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Adventskalendertürchen

Ein Dra­ma in den Lüf­ten II

Teil 2 der Kurz­ge­schich­te von Jules Verne

Ich setz­te mich, ohne irgend etwas auf sei­ne Wor­te zu erwi­dern, am andern Ende der Gon­del nieder.

Der jun­ge Mann hat­te inzwi­schen aus den wei­ten Taschen sei­nes Ueber­rocks ein umfang­rei­ches Heft geholt; es war eine Arbeit über die Aërostatik.

»Ich besit­ze eine inter­es­san­te Samm­lung von Stahl­sti­chen und Car­ri­ca­tu­ren, die in Bezug auf unse­re lus­ti­ge Lieb­ha­be­rei gefer­tigt sind, hub er an. Wie ist die­se wert­h­vol­le Ent­de­ckung zugleich bewun­dert und ver­höhnt wor­den! Glück­li­cher­wei­se ste­hen wir nicht mehr in der Zeit, wo Män­ner wie Mont­gol­fier mit Was­ser­dampf künst­li­che Wol­ken her­stell­ten und Gas aus der Ver­bren­nung feuch­ten Strohs und zer­setz­ter Wol­le zu erzeu­gen suchten.

– Wol­len Sie viel­leicht das Ver­dienst der Erfin­der ver­rin­gern? frag­te ich, denn ich hat­te unter­des­sen beschlos­sen, mir das Aben­teu­er zu Nut­ze zu machen. Es war doch immer­hin Gro­ßes, die Mög­lich­keit, sich in die Lüf­te zu schwin­gen, mit einem Ver­such darzuthun?

– Wer woll­te denn den Ruhm der ers­ten Luft­schif­fer in Abre­de stel­len, mein Herr? Es docu­men­tir­te sich ein unge­heu­rer Muth dar­in, mit­tels so gebrech­li­cher Hül­len, die nur erwärm­te Luft ent­hiel­ten, empor­zu­stei­gen! Aber ich fra­ge Sie, hat die Aëro­sta­tik seit den Auf­stei­gun­gen Blan­chards, d.h. seit bei­na­he einem Jahr­hun­dert, gro­ße Fort­schrit­te gemacht? Sehen Sie, mein Herr!«

Und der Unbe­kann­te zog einen Kup­fer­stich aus sei­ner Samm­lung hervor.

»Hier ist die ers­te, von Pilât­re des Rosiers und dem Mar­quis d’Ar­lan­des unter­nom­me­ne Luft­rei­se abge­bil­det; nur vier Mona­te nach­dem die Bal­lons erfun­den waren. Lud­wig XVI. hat­te sei­ne Erlaub­niß zu die­ser Rei­se ver­wei­gert und nur gestat­tet, daß zwei zum Tode Ver­urt­heil­te die Luft­bah­nen beschrit­ten. Pilât­re des Rosiers war empört über die­se Unge­rech­tig­keit und brach­te es durch vie­le Intri­guen end­lich dahin, die Rei­se selbst mit­ma­chen zu dür­fen. Man hat­te damals die Gon­del, durch die das Mano­eu­vre so sehr erleich­tert wird, noch nicht erfun­den; nur eine kreis­för­mi­ge Gale­rie lief rund um den untern ver­eng­ten Theil der Mont­gol­fiè­re. Die bei­den Aëro­nau­ten muß­ten sich also bewe­gungs­los am Ende der Gale­rie hal­ten, denn durch das feuch­te Stroh, womit man die­sel­be gefüllt hat­te, war ihnen jede Bewe­gung unter­sagt. Ueber der Mün­dung des Bal­lons hing ein Koh­len­be­cken mit Feu­er, und wenn die Rei­sen­den stei­gen woll­ten, muß­ten sie – auf die Gefahr hin, ihre Maschi­ne in Brand zu ste­cken – Stroh auf die­sen Feu­er­heerd wer­fen; dann gab die mehr erwärm­te Luft dem Bal­lon neue auf­stei­gen­de Kraft. Die bei­den küh­nen Luft­schif­fer bra­chen am 21. Novem­ber 1783 von den Gär­ten zu La Muet­te, die der Dau­phin ihnen zur Dis­po­si­ti­on gestellt hat­te, auf. Das Schiff hob sich majes­tä­tisch, fuhr an der Ile des Cyg­nes ent­lang, setz­te an der Bar­riè­re de la Con­fé­rence über die Sei­ne und näher­te sich, zwi­schen dem Inva­li­den­dom und der Kriegs­schu­le hin­steu­ernd, dem Saint-Sulpi­ce. Nun ver­stärk­ten die Aëro­nau­ten das Feu­er, über­schrit­ten den Bou­le­vard und stie­gen jen­seit der Bar­riè­re d’En­fer wie­der her­ab. Als der Bal­lon den Erd­bo­den berühr­te, sank er in sich zusam­men und begrub Pilât­re des Rosiers für eini­ge Augen­bli­cke unter sei­nen Falten.

– Böse Vor­be­deu­tung! rief ich; denn die­se Ein­zel­hei­ten waren für mich von gro­ßem Inter­es­se gewesen.

– Die Vor­be­deu­tung einer Kata­stro­phe, die dem Unglück­li­chen spä­ter­hin das Leben kos­ten soll­te, füg­te der Unbe­kann­te in trü­bem Tone hin­zu. Haben Sie nie etwas davon erfahren?

– Nie­mals.

– Bah! Das Unglück kommt auch ohne Vor­be­deu­tun­gen!« mein­te der Rei­se­ge­fähr­te und ver­sank wie­der in sein Sinnen.

Wir waren unter­des­sen wei­ter nach Süden vor­ge­rückt; Frank­furt war bereits unter unse­ren Füßen entflohen.

»Viel­leicht bekom­men wir einen Sturm, nahm der jun­ge Mann sei­ne Rede wie­der auf.

– Wir wer­den zuvor her­ab­stei­gen, ver­setz­te ich.

– Das wäre! Las­sen Sie uns lie­ber empor­stei­gen; auf die­se Wei­se wer­den wir ihm siche­rer entgehen.«

Und noch zwei ande­re Sand­sä­cke ver­schwan­den im Raum unter uns.

Der Bal­lon stieg mit enor­mer Schnel­lig­keit und blieb 1200 Meter hoch ste­hen; es wur­de ziem­lich kalt, und dabei fie­len die Son­nen­strah­len noch auf die Hül­le, dehn­ten das dar­in befind­li­che Gas aus und gaben ihm eine grö­ße­re auf­stei­gen­de Kraft.

»Fürch­ten Sie nichts, wand­te sich der Unbe­kann­te an mich; wir haben 3500 Toi­sen ath­mungs­sä­hi­ge Luft; im Ueb­ri­gen küm­mern Sie sich nicht um das, was ich thue.«

Ich woll­te auf­sprin­gen, aber eine kräf­ti­ge Hand hielt mich auf mei­ner Bank zurück.

»Ihr Name? rief ich.

– Mein Name? was kann Ihnen an mei­nem Namen liegen!

– Ich fra­ge Sie nach Ihrem Namen!

– Nen­nen Sie mich Erostra­tus oder Empe­do­k­les, wie Sie wollen.«

Die Ant­wort war nichts weni­ger als beruhigend.

Der Unbe­kann­te sprach übri­gens mit eigent­hüm­li­cher Kalt­blü­tig­keit, so daß ich mich nicht ohne Unru­he frag­te, wer er sein mochte.

»Mein Herr, fuhr er nach einer klei­nen Pau­se fort, man hat seit dem Phy­si­ker Charles nichts Neu­es erdacht. Vier Mona­te nach Ent­de­ckung der Aëro­sta­tik erfand die­ser geschick­te Mann die Klap­pe, durch die das Gas ent­wei­chen kann, wenn der Bal­lon zu voll ist, oder wenn man tie­fer stei­gen will; sodann ver­dan­ken wir ihm die Gon­del, wel­che die Mano­eu­vres der Maschi­ne erleich­tert, das Netz, von dem der Bal­lon umspannt wird und das die Last auf sei­ne gan­ze Ober­flä­che vert­heilt, den Bal­last, durch den wir belie­big stei­gen und lan­den kön­nen, den Kau­tschu­kü­ber­zug, der das Gewe­be was­ser­dicht macht, und end­lich das Baro­me­ter, das die erreich­te Höhe angie­bt. Außer­dem brach­te Charles Hydro­gen in Anwen­dung, das vier­zehn Mal leich­ter ist als Luft, und mit Hil­fe des­sen man in die höchs­ten atmo­sphä­ri­schen Schich­ten gelan­gen kann, ohne der Gefahr einer Feu­ers­brunst aus­ge­setzt zu sein. Am 1. Decem­ber 1783 dräng­ten sich 300.000 Zuschau­er um die Tui­le­rien, Charles stieg empor, und die Sol­da­ten prä­sen­tir­ten vor ihm das Gewehr. Er mach­te neun fran­zö­si­sche Mei­len in der Luft und lenk­te sei­nen Bal­lon mit einer Geschick­lich­keit, wie sie von den jet­zi­gen Aëro­nau­ten noch nicht über­trof­fen ist. Der König setz­te ihm hier­auf eine Pen­si­on von 2000 Liv­res aus, denn damals wur­den neue Erfin­dun­gen noch ermuthigt!«

Es schien mir, als sei der Unbe­kann­te von einer gewis­sen Auf­re­gung ergriffen.

»Mein Herr, nahm er den Faden sei­ner Rede wie­der auf, ich bin durch mei­ne Stu­di­en hin­läng­lich davon über­zeugt wor­den, daß die ers­ten Aëro­nau­ten ihre Bal­lons mit einem Steu­er lenk­ten. Von Blan­chard zu schwei­gen, des­sen Behaup­tun­gen in Zwei­fel gezo­gen wer­den kön­nen, wuß­te doch Guy­ton Mor­ve­aux, mit Hil­fe der Ruder und des Steu­ers, sei­ner Maschi­ne merk­li­che Bewe­gun­gen und eine bestimm­te Rich­tung mit­zut­hei­len. Letzt­hin hat ein pari­ser Uhr­ma­cher, Herr Juli­en, auf dem Hip­po­drom über­zeu­gen­de Ver­su­che in die­ser Bezie­hung ange­stellt; denn Dank einem eigent­hüm­li­chen Mecha­nis­mus kehrt sich sein läng­lich gestal­te­ter Bal­lon ent­schie­den gegen den Wind. Herr Patin ist dar­auf gekom­men, vier Hydro­gen-Bal­lons an ein­an­der zu set­zen, und hofft mit­tels hori­zon­tal gestell­ter und theil­wei­se zusam­men­ge­fal­te­ter Segel einen Gleich­ge­wichts­bruch zu erzie­len, der den Appa­rat nach der Sei­te neigt und ihm einen schrä­gen Flug ver­leiht. Man spricht wohl von Moto­ren, die den Wider­stand der Strö­mun­gen bre­chen sol­len, z.B. der Schrau­be, aber da die­se sich in einem leicht nach­ge­ben­den Medi­um bewegt, wird sie kein Resul­tat lie­fern. Ich, mein Herr, bin bis jetzt der Ein­zi­ge, der Mit­tel und Wege ent­deckt hat, durch das die Bal­lons gelenkt wer­den kön­nen; aber nicht eine ein­zi­ge Stadt hat mei­ne Sub­scrip­ti­ons­lis­ten gefüllt, nicht eine ein­zi­ge Regie­rung hat auf mich hören wol­len; es ist schändlich!«

Der Unbe­kann­te erging sich in so hef­ti­gen Gesti­cu­la­tio­nen, daß die Gon­del gewalt­sa­me Schwan­kun­gen erfuhr; ich hat­te Mühe, ihn wie­der zu beschwichtigen.

Inzwi­schen war der Bal­lon in eine rasche­re Strö­mung gekom­men, und wir rück­ten in einer Höhe von 1500 Metern gegen Süden vor.

»Dort ist Darm­stadt, rief mein Beglei­ter und bog sich über den Rand der Gon­del. Kön­nen Sie das Schloß sehen? ganz undeut­lich, nicht wahr? Bei die­ser Gewit­ter­schwü­le schei­nen die Gegen­stän­de dort unten hin und her zu schwan­ken, und man muß ein gutes Auge haben, um die Oert­lich­keit genau zu erkennen!

– Sind Sie sicher, daß das Darm­stadt ist? frag­te ich.

– Gewiß, erwi­der­te er; wir befin­den uns jetzt sechs Stun­den von Frankfurt.

– Dann müs­sen wir uns herablassen.

– Her­ab­las­sen? soll der Bal­lon etwa an einem Kirchthurm hän­gen blei­ben? frag­te der Unbe­kann­te mit höh­ni­schem Lächeln.

– Nein, ich wer­de einen Punkt in der Umge­bung der Stadt wäh­len, erwi­der­te ich.

– Gehen wir den Kircht­hür­men so viel wie mög­lich aus dem Wege!«

Mit die­sen Wor­ten griff mein Rei­se­ge­fähr­te aber­mals nach den Bal­last­sä­cken. Ich stürz­te auf ihn zu, aber er warf mich mit einer Hand zu Boden, und der erleich­ter­te Bal­lon stieg auf eine Höhe von 2000 Metern.

»Sei­en Sie ganz ruhig, rief er, und beden­ken Sie, daß Brio­schi, Biot, Gay-Luss­ac, Bixio und Bar­ral ihre wis­sen­schaft­li­chen Ver­su­che in noch beträcht­li­che­ren Höhen gemacht haben.

– Mein Herr, wir müs­sen jetzt hin­ab­stei­gen, sag­te ich und ver­such­te, ihn mit Güte zu bewe­gen. Das Gewit­ter zieht sich um uns zusam­men; wir wür­den unklug handeln…

– Bah! wir gehen hoch dar­über hin­aus und küm­mern uns nicht wei­ter dar­um! rief mein Begleiter. 

Was kann es Schö­ne­res geben, als die­se Wol­ken zu beherr­schen, die die Erde zu erdrü­cken schei­nen! Ist es nicht ehren­voll, so durch die Fluth der Luft zu schiffen? 

Die bedeu­tends­ten Leu­te sind gereist wie wir jetzt. Die Mar­qui­se und die Grä­fin von Mon­tal­embert, die Grä­fin von Pode­n­as, Fräu­lein La Gar­de, der Mar­quis von Mon­tal­embert sind von der Vor­stadt Saint-Antoine in die­se unbe­kann­ten Regio­nen gereist, und der Her­zog von Char­tres hat bei sei­ner Ascen­si­on am 15. Juli 1784 gro­ße Geschick­lich­keit und Geis­tes­ge­gen­wart bewie­sen. In Lyon haben die Gra­fen von Lau­ren­cin und Dam­pierre, in Nan­tes Herr von Luy­nes, in Bor­deaux d’Ar­bel­et de Gran­ges, in Ita­li­en der Rit­ter And­rea­ni, in unse­ren Tagen der Her­zog von Braun­schweig die Spu­ren ihres Ruhms in den Lüf­ten hin­ter­las­sen. Um es die­sen bedeu­ten­den Per­sön­lich­kei­ten zuvor zu thun, muß man höher als sie in die Him­mels­re­gio­nen vordringen! 

Sich dem Unend­li­chen nähern, heißt so viel, als die Unend­lich­keit begreifen!«

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