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Adventskalendertürchen

Ein Dra­ma in den Lüf­ten III

Der drit­te Teil der Geschich­te von Jules Verne

Die zuneh­men­de Ver­dün­nung der Luft dehn­te das Was­ser­stoff­gas des Bal­lons beträcht­lich aus, und ich sah, wie sein unte­rer, mit Absicht leer gelas­se­ner Theil anschwoll, so daß das Oeff­nen der Klap­pe not­hwen­dig wur­de. Da mein Beglei­ter nicht geneigt schien, mich nach mei­ner Wei­se mano­eu­vr­i­ren zu las­sen, so beschloß ich, heim­lich das Seil der Klap­pe zu zie­hen, wäh­rend er leb­haft sprach und gesti­cu­lir­te. Ich fürch­te­te zu erra­then, mit wem ich es zu thun hat­te; doch nein – es wäre zu ent­setz­lich gewe­sen, wenn sich mei­ne Ver­mut­hung bestä­tig­te! Wir hat­ten jetzt drei Vier­tel auf ein Uhr und waren genau vor vier­zig Minu­ten in Frank­furt auf­ge­stie­gen. Von der Süd­sei­te her schweb­ten gegen den Wind dich­te Wol­ken auf uns zu.

»Haben Sie alle Hoff­nung auf­ge­ge­ben, Ihren Com­bi­na­tio­nen zum Sie­ge zu ver­hel­fen? frag­te ich mit sehr eigen­nüt­zi­gem Interesse.

– Voll­stän­dig! erwi­der­te dumpf der Unbe­kann­te. Von abschlä­gi­gen Ant­wor­ten und Car­ri­ca­tu­ren auf’s Tiefs­te ver­letzt, habe ich mich end­lich zurück­ge­zo­gen; Esels­fuß­trit­te sind die heut zu Tage allen Neue­rern vor­be­hal­te­ne Stra­fe. Wol­len Sie sich gefäl­ligst die­se Car­ri­ca­tu­ren­zeich­nun­gen aus ver­schie­de­nen Zei­ten anse­hen, mit denen mei­ne Brief­ta­sche gespickt ist?«

Wäh­rend mein Gefähr­te sei­ne Papie­re durch­blät­ter­te, hat­te ich, ohne daß er es bemerk­te, das Seil der Klap­pe ergrif­fen; ich fürch­te­te jedoch, daß er auf jenes was­ser­fall­ähn­li­che Pfei­fen auf­merk­sam wer­den wür­de, das beim Ent­wei­chen des Gases entsteht.

»Wie viel Spä­ße sind allein schon über den Abt Mio­lan gemacht wor­den! fuhr der Unbe­kann­te fort; er soll­te mit Jan­ni­net und Bre­din auf­stei­gen. Wäh­rend der Ope­ra­ti­on aber wur­de ihre Mont­gol­fiè­re vom Feu­er ergrif­fen und von dem unwis­sen­den Pöbel in Stü­cke zer­ris­se! Dann erhiel­ten sie in der Car­ri­ca­tur die Namen der merk­wür­di­gen Thie­re Miau­lant, Jean Minet und Gredin.«

Ich zog das Seil der Klap­pe, und das Baro­me­ter begann wie­der zu stei­gen. Es war hohe Zeit; in der Fer­ne, süd­lich von uns, groll­te bereits der Donner.

»Betrach­ten Sie, bit­te, die­sen andern Stahl­stich, sag­te mein Rei­se­ge­fähr­te, ohne von mei­nem Mano­eu­vre Notiz zu neh­men. Es ist ein unge­heu­rer Bal­lon, der ein Schiff, fes­te Schlös­ser, Häu­ser u.s.w. mit sich fort­führt. Die Car­ri­catn­ren­zeich­ner haben es sich nicht träu­men las­sen, daß ihre Albern­hei­ten der­einst zur Wahr­heit wer­den wür­den! Das Schiff ist voll­stän­dig; sehen Sie zur Lin­ken sein Steu­er nebst dem Logis der Steu­er­leu­te; am Vor­dert­heil Lust­häu­ser und rie­sen­haf­te Geschüt­ze, um die Auf­merk­sam­keit der Erden­be­woh­ner oder des Mon­des zu erre­gen; über dem Hin­tert­heil das Obser­va­to­ri­um und die Bal­lon-Scha­lup­pe; im Aequa­to­ri­al­krei­se das Logis der Mann­schaft; zur Lin­ken die Schiffs­la­ter­ne, dann die obe­ren Gale­rien für die Spa­zier­gän­ger, die Segel, die klei­nen Flü­gel; unten die Cafés und das Haupt­ma­ga­zin für die Lebens­mit­tel. Bewun­dern Sie ein­mal die­se bril­lan­te Annon­ce: ›Die­ser Glo­bus, der zum Heil des Men­schen­ge­schlechts erfun­den ist, wird sofort nach den Sta­pel­plät­zen der Levan­te abge­hen und nach sei­ner Rück­kehr von dort sei­ne Rei­sen nach den bei­den Polen und nach dem äußers­ten Wes­ten in’s Werk setzen.‹«

»Man hat sich um nichts zu küm­mern; für Alles sind Vor­keh­run­gen getrof­fen, und Alles wird gut gehen. Für die Sta­tio­nen wird ein genau­er Tarif fest­ge­setzt wer­den, aber die Prei­se wer­den für jede Ent­fer­nung die glei­chen sein, näm­lich 1000 Louis­d’ors für jede belie­bi­ge der erwähn­ten Rei­sen. In Anbe­tracht der Schnel­lig­keit, Bequem­lich­keit und aller Annehm­lich­kei­ten, deren man sich in besag­ter Anstalt zu erfreu­en hat, darf man wohl sagen, daß die­ser Preis ein sehr mäßi­ger ist. Ein Jeder trifft dort an, was ihm genehm ist; die Einen kön­nen zur Capel­le kom­men, die Ande­ren auf den Ball; Die­se wer­den fas­ten, Jene vor­treff­lich schmau­sen; wer eine geist­rei­che Unter­hal­tung liebt, fin­det Leu­te, mit denen er plau­dern und dis­cut­i­ren kann, und auch der Dumm­kopf soll sei­nes Glei­chen nicht ver­mis­sen. So wird die See­le der lus­ti­gen Gesell­schaft das Ver­gnü­gen sein! Alle die­se Erfin­dun­gen haben Anlaß zum Lachen gege­ben… – aber wenn mei­ne Tage nicht gezählt wären, wür­de man bin­nen Kur­zem sehen, daß die­se in die Luft gebau­ten Plä­ne sich in Wirk­lich­keit umge­stal­ten können!«

Wir stie­gen bedeu­tend her­ab, er aber bemerk­te es nicht.

»Sehen Sie noch die­se Art von Bal­lon­spie­len, begann er von Neu­em, indem er eini­ge Kup­fer­sti­che sei­ner reich­hal­ti­gen Samm­lung vor mir aus­breit etc. Dies Spiel ent­hält die gan­ze Geschich­te der Aëro­sta­tik; es ist in gebil­de­ten Krei­sen sehr beliebt und wird mit Wür­feln und Mar­ken gespielt, über deren Werth man sich vor­her geei­nigt hat. Die Spie­len­den bezah­len oder erhal­ten eine Anzahl Mar­ken, je nach dem Fel­de, zu dem sie kommen.

– Nun, ver­setz­te ich, Sie schei­nen die Wis­sen­schaft der Luft­fahrt gründ­lich stu­dirt zu haben!

– Das habe ich aller­dings, mein Herr! Seit Phae­ton, Ika­rus, Archi­tas habe ich Alles unter­sucht, Alles nach­ge­le­sen, mich über Alles unter­rich­tet. Wenn Gott mir das Leben schenk­te, wür­de die Aëro­sta­tik durch mich der Welt gro­ße Diens­te leis­ten kön­nen, aber das wird nicht der Fall sein!

– Und wes­halb nicht?

– Weil ich Empe­do­k­les oder Erostra­tus heiße!«

Inzwi­schen hat­te sich der Bal­lon glück­lich der Erde genä­hert; wenn man jedoch her­ab­steigt, ist die Gefahr gleich groß, ob man fünf­tau­send oder nur hun­dert Fuß von der Erde ent­fernt ist!

»Erin­nern Sie sich der Schlacht bei Fleu­rus? fuhr mein Beglei­ter fort, und sei­ne Züge beleb­ten sich mehr und mehr. Für die­sen Kampf orga­ni­sir­te Cou­tel­le auf Befehl der Regie­rung eine Com­pa­gnie von Luft­schif­fern. Bei der Bela­ge­rung von Mau­beu­ge schöpf­te der Gene­ral Jour­dan so gro­ße Vort­hei­le aus die­ser neu­en Beob­ach­tungs­wei­se, daß Cou­tel­le sich täg­lich zwei Mal mit dem Gene­ral in die Lüf­te erhob; die Cor­re­spon­denz zwi­schen dem Aëro­nau­ten und den Leu­ten, die den Bal­lon fest­hiel­ten, wur­de mit­tels klei­ner wei­ßer, rother und gel­ber Fähn­chen bewirkt. Ost feu­er­te man Kano­nen- und Flin­ten­schüs­se auf den Bal­lon ab, wenn er empor­stieg, jedoch immer ohne Erfolg. Als Jour­dan sich anschick­te, Char­le­roi zu bela­gern, begab sich Cou­tel­le in die Nähe der Fes­tung, stieg von der Ebe­ne von Jumet auf und blieb sie­ben bis acht Stun­den mit dem Gene­ral Mor­lot auf dem Obser­va­ti­ons­pos­ten was jeden­falls viel dazu bei­trug, uns bei Fleu­rus den Sieg zu ver­schaf­fen, auch pro­cla­mir­te Gene­ral Jour­dan laut, wel­che Hil­fe ihm die aëro­nau­ti­schen Beob­ach­tun­gen gewährt hät­ten. Nun! Trotz aller Diens­te, die bei die­ser Gele­gen­heit und wäh­rend des bel­gi­schen Feld­zu­ges die Luft­schiff­fahrt leis­te­te, endig­te ihre mili­tä­ri­sche Lauf­bahn noch in dem­sel­ben Jah­re, da sie begon­nen, und die von der Regie­rung gegrün­de­te Schu­le zu Meu­don wur­de von Bona­par­te geschlos­sen, als er aus Aegyp­ten zurück­kehr­te! ›Was hät­te Alles aus die­sem eben erst gebo­re­nen Kin­de wer­den kön­nen!‹ hat damals Frank­lin geäu­ßert. Es hät­te nicht erstickt wer­den dürfen!«

Der Unbe­kann­te bedeck­te sein Ant­litz mit bei­den Hän­den und sann eini­ge Augen­bli­cke nach. Dann sag­te er, ohne den Kopf nach mir zu wen­den: »Sie haben die Klap­pe geöff­net, mein Herr, trotz­dem ich es Ihnen ver­bo­ten hatte!«

Ich ließ das Seil fahren.

»Glück­li­cher­wei­se haben wir noch drei­hun­dert Pfund Bal­last, bemerk­te er.

– Wel­che Plä­ne haben Sie noch? frag­te ich nunmehr.

– Sind Sie noch nie über See gefah­ren?« gab er mir als Ant­wort zurück.

Ich fühl­te, wie ich erbleichte.

»Es ist ver­drieß­lich, daß wir nach dem Adria­ti­schen Mee­re hin­ge­trie­ben wer­den, füg­te er hin­zu, das ist nur ein Bach! Viel­leicht fin­den wir aber wei­ter­hin ande­re Luftströmungen!«

Und ohne mich auch nur mit einem Blick zu befra­gen, ent­las­te­te er den Bal­lon um meh­re­re Sandsäcke.

Dann rief er mit dro­hen­der Stimme:

»Ich habe zuge­las­sen, daß Sie die Klap­pe öff­ne­ten, weil die Aus­deh­nung des Gases den Bal­lon zu spren­gen droh­te; ver­su­chen Sie der­glei­chen aber nicht noch einmal!«

Dann nahm er sei­nen Vor­trag wie­der auf.

»Sie ken­nen zwei­fels­oh­ne die von Blan­chard und Jef­fe­ries aus­ge­führ­te Ueber­fahrt von Dover nach Calais! Herr­lich! Ihr Bal­lon wur­de am 7. Janu­ar 1785 bei Nord­west­wind auf der Küs­te von Dover mit Gas geschwellt; ein Feh­ler im Gleich­ge­wicht zwang sie, bald nach dem Auf­stei­gen ihren Bal­last bis auf drei­ßig Pfund aus­zu­wer­fen, wenn sie näm­lich nicht zurück­fal­len woll­ten. Dies war ent­schie­den zu wenig, und da der Wind nicht sehr frisch war, rück­ten sie nur sehr lang­sam nach der fran­zö­si­schen Küs­te vor. Außer­dem wur­de der Bal­lon all­mä­lig durch die Undich­tig­keit sei­nes Gewe­bes schlaff, und so merk­ten die Rei­sen­den bereits nach andert­halb Stun­den, daß er fiel.

Was sol­len wir machen? frag­te Jefferies.

Wir haben erst den vier­ten Theil unse­res Weges zurück­ge­legt und sind in sehr gerin­ger Höhe, mein­te Blan­chard. Viel­leicht tref­fen wir einen güns­ti­ge­ren Wind an, wenn wir steigen.

So wol­len wir aus­wer­fen, was uns noch an Bal­last geblie­ben ist!«

»Der Bal­lon gewann durch die­se Ope­ra­ti­on an auf­stei­gen­der Kraft, begann aber als­bald wie­der zu fal­len. Als die Aëro­nau­ten die Hälf­te ihres Weges hin­ter sich hat­ten, muß­ten sie ihre Bücher und Werk­zeu­ge über Bord wer­fen. Eine Vier­tel­stun­de spä­ter frag­te Blan­chard nach dem Stan­de des Barometers.

Er steigt! wir sind ver­lo­ren, und doch liegt die fran­zö­si­sche Küs­te vor unse­ren Augen!

Ein lau­tes Geräusch ließ sich vernehmen.

Ist der Bal­lon zer­ris­sen? frag­te Jefferies.

Nein, aber der Ver­lust des Gases hat sei­nen unte­ren Theil erschlafft; wir fal­len immer mehr, wir sind unrett­bar ver­lo­ren! Her­un­ter mit allen unnö­thi­gen Dingen!«

»Der Mund­vor­rath, die Ruder und das Steu­er wur­den in’s Meer gewor­fen. Die Aëro­nau­ten schweb­ten nur noch etwa hun­dert Meter hoch über dem Wasserspiegel.

Wir stei­gen wie­der, sag­te der Doctor.

Nein, die­ser Auf­schwung wird nur durch die Gewichts­ver­än­de­rung her­vor­ge­bracht! Und nicht ein ein­zi­ges Schiff in Sicht! nicht die kleins­te Bar­ke am Hori­zont zu sehen! Wer­fen wir unse­re Klei­der in das Meer!«

»Die Unglück­li­chen führ­ten auch dies aus, aber der Bal­lon sank unaufhaltsam!

Blan­chard, schlug nun Jef­fe­ries vor, Sie soll­ten die Fahrt allein antre­ten und haben nur auf mei­ne Bit­ten ein­ge­wil­ligt, die Rei­se mit mir zu machen. Ich wer­de mich in’s Was­ser stür­zen, und der erleich­ter­te Bal­lon kann dann wie­der steigen!

Nein, nein, das wäre zu schrecklich!«

»Der Bal­lon wur­de schlaf­fer und schlaf­fer; sei­ne Wöl­bung glich einem Fall­schirm, dräng­te das Gas an die Wän­de und beschleu­nig­te so sein Entweichen.

Leben Sie wohl, mein Freund, Gott erhal­te Sie! sag­te der Doc­tor und wand­te sich, um in’s Meer hin­ab­zu­sprin­gen. Aber Blan­chard hielt ihn zurück.

War­ten Sie; es bleibt uns noch ein Aus­kunfts­mit­tel! rief er. Wir kön­nen die Taue abhau­en, von denen die Gon­del gehal­ten wird, und uns an das Netz klam­mern. Viel­leicht erhält der Bal­lon schon dadurch die not­hwen­di­ge auf­stei­gen­de Kraft. Hal­ten Sie sich bereit! Ah! das Baro­me­ter fällt; der Wind wird fri­scher; wir stei­gen! Ret­tung! Rettung!«

»Die Rei­sen­den sahen Calais auf­tau­chen, ihre Freu­de grenz­te fast an Wahn­sinn. Weni­ge Augen­bli­cke spä­ter lie­ßen sie sich in dem Wal­de nahe bei Gui­nes zur Erde nieder.«

»Ich darf wohl mit Bestimmt­heit anneh­men, füg­te der Unbe­kann­te hin­zu, daß Sie sich unter ähn­li­chen Ver­hält­nis­sen nach dem Bei­spiel des Doc­tor Jef­fe­ries rich­ten würden?«

Die Wol­ken ent­roll­ten sich unter unse­ren Augen in blen­den­der Mas­se; der Bal­lon warf sei­nen Schat­ten dar­auf und wur­de gleich­sam in eine Strah­len­kro­ne gehüllt. Der Don­ner groll­te unter der Gon­del, es war furchtbar!

»Wir müs­sen hin­ab­stei­gen! rief ich.

– Hin­ab­stei­gen, wenn dort die Son­ne auf uns war­tet? Hin­un­ter mit den Säcken!«

Und der Bal­lon war aber­mals um fünf­zig Pfund leich­ter geworden.

In einer Höhe von 3500 Metern blie­ben wir sta­tio­när. Der Unbe­kann­te sprach fort­wäh­rend und schien voll­stän­dig in sei­nem Ele­ment zu sein, wäh­rend ich mich in einem Zustan­de größ­ter Abspan­nung befand.

»Bei gutem Win­de wür­den wir sehr weit flie­gen kön­nen! rief er. Auf den Antil­len gie­bt es Luft­strö­mun­gen, die hun­dert Mei­len pro Stun­de zurück­le­gen! Zur Zeit der Krö­nung Napoleon’s ließ Gar­ne­rin um elf Uhr Abends einen erleuch­te­ten, mit far­bi­gen Glä­sern ver­se­he­nen Bal­lon stei­gen; der Wind weh­te aus Nord-Nord-West, und am fol­gen­den Mor­gen sahen die Ein­woh­ner Roms den Aërosta­ten über dem Dom des hei­li­gen Peter schwe­ben. Wir wer­den noch wei­ter kom­men… und höher!«

Ich hör­te kaum, was er sag­te. Alles summ­te um mich her­um! In den Wol­ken ent­stand jetzt ein Riß.

»Sehen Sie die­se Stadt, sag­te der Unbe­kann­te, es ist Speier!«

Ich neig­te mich über den Gon­del­rand und bemerk­te einen klei­nen schwärz­li­chen Fleck. – Das war Spei­er! Der brei­te Rhein­strom glich einem auf­ge­roll­ten Ban­de; über uns strahl­te der Him­mel in schöns­tem Azur­blau; die Vögel hat­ten uns seit lan­ger Zeit ver­las­sen, denn in die­ser ver­dünn­ten Luft wäre ihr Flug unmög­lich gewe­sen. Ich war mit die­sem Unbe­kann­ten allein im Weltenraum!

»Es ist unnö­thig für Sie zu wis­sen, wohin ich unse­ren Bal­lon füh­ren will, sag­te er und schleu­der­te den Compaß in die Wol­ken. Ach! es muß herr­lich sein, zu fal­len! Die Luft­schiff­fahrt zählt bekannt­lich von Pilât­re des Rosiers bis auf den Lieu­ten­ant Gale nur weni­ge Opfer, und die­se Unglücks­fäl­le ent­stan­den regel­mä­ßig durch Unvor­sich­tig­keit. Pilât­re des Rosiers brach am 13. Juni 1785 mit Romain von Bou­lo­gne auf. Er hat­te an sei­nem mit Gas gefüll­ten Bal­lon eine Mont­gol­fiè­re mit erwärm­ter Luft auf­ge­hängt, wahr­schein­lich um nicht Gas ver­lie­ren oder Bal­last aus­wer­fen zu dür­fen. Die­se Ein­rich­tung war etwa eben­so toll­kühn, als wenn man ein Koh­len­be­cken unter einer Pul­ver­ton­ne anbrin­gen woll­te! Die Unvor­sich­ti­gen kamen vier­hun­dert Meter hoch und wur­den von wid­ri­gen Win­den erfaßt, die sie auf’s offe­ne Meer jag­ten. Pilât­re woll­te jetzt, um den Fall her­bei­zu­füh­ren, die Klap­pe des Aërosta­ten öff­nen, aber das Seil hat­te sich in den Bal­lon ver­hakt und zer­riß ihn arg und so plötz­lich, daß er in einem Augen­blick geleert wur­de. Er fiel auf die Mont­gol­fiè­re, brach­te sie in’s Dre­hen und riß die Unglück­li­chen her­un­ter. Sie waren in weni­gen Secun­den zer­schellt. Es ist schreck­lich, nicht wahr?«

Ich konn­te nur die Wor­te erwidern:

»Um’s Him­mels wil­len, stei­gen wir herab!«

Die Wol­ken dräng­ten sich von allen Sei­ten um uns zusam­men, und furcht­ba­re Deto­na­tio­nen, die in der Wöl­bung des Aërosta­ten wider­hall­ten, krach­ten um uns.

»Sie wer­den es so weit trei­ben, daß ich unge­dul­dig wer­de! rief mein Rei­se­ge­fähr­te; ich las­se Sie von nun an nicht mehr wis­sen, wann wir stei­gen oder fallen.«

Und das Baro­me­ter nebst meh­re­ren Sand­sä­cken wur­den dem Compaß nach­ge­schleu­dert. Wir muß­ten letzt 5000 Meter hoch sein. An den Wän­den der Gon­del haf­te­ten bereits eini­ge Eis­stü­cke, ein sei­ner Schnee fiel auf uns nie­der und erkäl­te­te mich bis auf’s Mark. Und doch don­ner­te ein star­kes Gewit­ter tief unter uns.

»Fürch­ten Sie nichts, rede­te mir der Unbe­kann­te zu. Nur Unvor­sich­ti­ge kom­men auf Luft­rei­sen um. Oli­va­ri z.B., der in Orleans ver­un­glück­te, stieg in einer Mont­gol­fiè­re von Papier empor. Natür­lich wur­de sei­ne Gon­del, die unter dem Koh­len­be­cken hing und mit brenn­ba­ren Stof­fen ange­füllt war, ein Raub der Flam­men. Oli­va­ri stürz­te und fand sei­nen Tod! Mos­ment erhob sich in Lil­le, und zwar auf einer leich­ten Schei­be; in Fol­ge einer klei­nen Schwan­kung fiel er auf den Erd­bo­den her­ab und fand sei­nen Tod! Bit­torf in Mann­heim sah, wie sein aus Papier gefer­tig­ter Bal­lon in der Luft Feu­er fing; Bit­torf fiel und fand sei­nen Tod! Har­ris stieg in einem schlecht con­struir­ten Bal­lon auf; die Klap­pe war viel zu groß und ließ sich nicht wie­der schlie­ßen. Har­ris stürz­te her­ab und fand sei­nen Tod! Sad­ler war durch eine sehr lan­ge Fahrt all sei­nes Bal­lasts beraubt wor­den; die Strö­mung riß ihn über Bos­ton hin­weg und schleu­der­te ihn an die Schorn­stei­ne; so fiel auch er und fand sei­nen Tod! Coking woll­te mit einem Fall­schirm, den er als eine Ver­voll­komm­nung aus­gab, her­ab­stei­gen; der­sel­be über­schlug sich jedoch, und Coking fand sei­nen Tod! 

Ich habe mich immer für die­se Opfer der Unvor­sich­tig­keit inter­es­sirt; ich lie­be sie und will ster­ben, wie sie gestor­ben sind, Höher! Höher!«

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