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Adventskalendertürchen

Ein Dra­ma in den Lüf­ten IV

Der letz­te Teil der Geschich­te von Jules Verne

Ich sah alle Schreck­bil­der die­ses Nekro­logs vor mei­nen Augen vor­über zie­hen Die Ver­dün­nung der Luft und die Son­nen­strah­len beför­der­ten die Aus­deh­nung des Gases, und so stieg der Bal­lon noch immer. Ich ergriff mecha­nisch das Seil, um die Klap­pe zu öff­nen, aber der Unbe­kann­te sprang hin­zu und hieb es eini­ge Fuß über mei­nem Haup­te durch… 

Ich war verloren!

»Haben Sie mit ange­se­hen, wie Madame Blan­chard fiel? frag­te er nun. Ich war zuge­gen und beob­ach­te­te Alles mit die­sen, mei­nen eige­nen Augen. Madame Blan­chard stieg am 6. Juli 1819 in Tivo­li auf und zwar, aus Spar­sam­keit, in einem sehr klei­nen Bal­lon, den sie sei­nes gerin­gen Umfangs wegen bis oben­hin fül­len muß­te. Auch strich das Gas durch den unte­ren Ansatz und ließ einen förm­li­chen Strei­fen von Hydro­gen hin­ter sich zurück. Madame Blan­chard hat­te eine Art künst­li­che Strah­len­kro­ne, die an einem Eisen­draht unter ihrem Bal­lon hing, mit­ge­nom­men, um sie unter­wegs in Brand zu ste­cken; sie hat­te die­ses Expe­ri­ment bereits zu ver­schie­de­nen Malen aus­ge­führt. Außer­dem war sie an dem genann­ten Tage noch mit einem klei­nen Fall­schirm ver­se­hen, der eine Kugel mit Feu­er­werk und Sil­ber­re­gen trug. Madame Blan­chard soll­te die­sen Appa­rat mit einer Feu­er­lan­ze, die eigens zu die­sem Zweck gefer­tigt war, anzün­den und sie dann fort­schleu­dern. Die Dame stieg in fins­te­rer Nacht empor, aber als sie ihr Feu­er­werk in Brand ste­cken woll­te, beging sie die Unvor­sich­tig­keit, die Feu­er­lan­ze unter der Hydro­gen­säu­le, die aus dem Bal­lon ent­wich, vor­bei zu füh­ren. Ich hielt mei­ne Bli­cke fest auf sie gerich­tet und sah, wie plötz­lich ein uner­war­te­ter Licht­schein die Fins­ter­niß erhell­te. Zuerst ver­mu­the­te ich eine Ueber­ra­schung der geschick­ten Aëro­nau­tin; der Schein ver­grö­ßer­te sich, ver­schwand dann und zeig­te sich plötz­lich wie­der in Gestalt eines unge­heu­ren, bren­nen­den Gas­strah­les an der Spit­ze des Luft­schiffs. Die unheil­kün­den­de Flam­me warf ihren Schein auf den Bou­le­vard und das gan­ze Vier­tel des Mont­mart­re. Ich sah, wie die unglück­li­che Frau sich erhob und zwei Mal ver­such­te, den Ansatz des Bal­lons zusam­men zu drü­cken, um das Feu­er zu löschen. Als sie sah, daß dies ohne Erfolg blieb, such­te sie ihr Abstei­gen zu len­ken, denn sie fiel nicht; die Gas­ver­bren­nung dau­er­te meh­re­re Minu­ten, wäh­rend der Bal­lon immer mehr zusam­men schrumpf­te und lang­sam sank. Der Wind weh­te aus Nord-West und warf das Luft­schiff nach Paris zurück. In der Rue de Pro­vence, neben dem Hau­se Nr. 16, befan­den sich damals gro­ße Gär­ten, und die Aëro­nau­tin hät­te ohne Gefahr her­ab­sin­ken kön­nen; das Ver­häng­niß woll­te es anders. Bal­lon und Gon­del kamen auf das Dach des Hau­ses her­un­ter, aber der Stoß war unbe­deu­tend. ›Zu Hil­fe!‹ rief die Unglück­li­che. In die­sem Augen­blick gelang­te ich auf die Stra­ße und sah, wie die Gon­del auf dem Dach ent­lang glitt und an eine eiser­ne Kram­pe stieß. Durch die­se Erschüt­te­rung wur­de Madame Blan­chard aus ihrer Gon­del auf das Stra­ßen­pflas­ter hin­ab geschleu­dert und fand ihren Tod!«

Die­se Erzäh­lun­gen hat­ten mein Blut vor Schau­der erstar­ren las­sen. Der Unbe­kann­te stand bar­häup­tig, mit gesträub­tem Haar und wirr­bli­cken­den Augen vor mir.

Es war kei­ne Täu­schung mehr mög­lich; ich hat­te es mit einem Wahn­sin­ni­gen zu thun.

Er warf jetzt noch den übri­gen Bal­last fort, und wir schweb­ten in einer Höhe von min­des­tens 9000 Metern; das Blut drang mir aus Mund und Nase!

»Was gie­bt es Herr­li­che­res, als sich zu den Mär­ty­rern der Wis­sen­schaft zäh­len zu dür­fen! rief der Wahn­sin­ni­ge, sie wer­den von der Nach­welt hei­lig gesprochen,«

Ich sah und hör­te auf nichts mehr; aber der Unbe­kann­te knie­te neben mir nie­der und sprach unmit­tel­bar an mei­nem Ohr weiter:

»Ist Ihnen die Kata­stro­phe von Herrn Zam­be­car­ri bekannt? Mer­ken Sie wohl auf: Am 7. Octo­ber schien das Wet­ter etwas bes­ser zu wer­den; wäh­rend all der vor­her­ge­hen­den Tage hat­te es gestürmt und gereg­net, so daß die von Zam­be­car­ri ange­kün­dig­te Ascen­si­on nicht hat­te statt­fin­den kön­nen. Nun jedoch konn­te er die Luft­rei­se nicht län­ger auf­schie­ben; sei­ne Fein­de sin­gen bereits an, ihn zu ver­spot­ten, und er muß­te sich und die Wis­sen­schaft jetzt wohl oder übel von dem Fluch der Lächer­lich­keit ret­ten. Er befand sich in Bolo­gna; nie­mand stand ihm bei der Fül­lung sei­nes Bal­lons bei.

Um Mit­ter­nacht stieg er, von Andreo­li und Gros­set­ti beglei­tet, empor; der Bal­lon erhob sich lang­sam, denn er war vom Regen durch­weicht und beschä­digt, und das Gas ent­wich schon jetzt. Die drei küh­nen Rei­sen­den konn­ten nur mit einer Blend­la­ter­ne ihr Baro­me­ter beob­ach­ten. Zam­be­car­ri hat­te seit vier­und­zwan­zig Stun­den nichts geges­sen, und auch Gros­set­ti war nüchtern.

Der Frost schüt­telt mich, sag­te Zam­be­car­ri, ich bin erschöpft und wer­de sterben!«

»Er sank bewußt­los an der Gale­rie nie­der; Gros­set­ti erging es eben­so. Andreo­li allein blieb wach. Nach wie­der­hol­ten Bemü­hun­gen gelang es ihm. Zam­be­car­ri aus sei­ner Betäu­bung aufzurütteln.

Was gie­bt es? Wohin fah­ren wir? Woher kommt der Wind? Wie viel Uhr ist es?

Es ist zwei Uhr.

Wo ist der Compaß?

Er ist umgefallen.

Gott im Him­mel! das Licht in der Later­ne erlischt!

Es kann in die­ser so sehr ver­dünn­ten Luft nicht mehr bren­nen,« erklär­te Zambecarri.

»Der Mond war noch nicht auf­ge­gan­gen und es herrsch­te eine undurch­dring­li­che Finsterniß.

Mich friert, mich friert! Andreo­li, was sol­len wir beginnen?«

»Die Unglück­li­chen durch­schiff­ten lang­sam eine Schicht weiß­li­cher Wolken.

Still! sag­te Andreo­li; hörst Du nichts? – ich mei­ne ein son­der­ba­res Geräusch zu vernehmen.

Du irrst Dich!

Nein!«

»Sehen Sie hier die Rei­sen­den, wie sie mit­ten in der Nacht auf das unbe­greif­li­che Geräusch lau­schen. Sie wis­sen nicht, ob sie im nächs­ten Augen­blick an einen Thurm sto­ßen oder auf Dächer hin­un­ter stür­zen werden!«

»Hörst Du es jetzt? es klingt wie Meeresbrausen!

Unmög­lich!

Und doch! es ist das Rau­schen der Wogen!

Gewiß und wahrhaftig!

Licht! Licht!«

»Nach fünf frucht­lo­sen Ver­su­chen gelang es end­lich Andreo­li, Licht anzu­zün­den. Es war jetzt um drei Uhr. Das Geräusch der Wogen ließ sich aus immer grö­ße­rer Nähe, immer gewal­ti­ger ver­neh­men; das Luft­schiff streif­te fast an der Ober­flä­che des Mee­res hin.

Wir sind ver­lo­ren! schrie Zam­be­car­ri und griff nach einem schwe­ren Sack mit Ballast.

Zu Hil­fe!« rief Andreoli.

»Die Gon­del berühr­te das Was­ser, und die Fluth stieg den Rei­sen­den bis an die Brust.«

»In’s Meer mit den Instru­men­ten! Die Klei­der, das Geld in’s Meer!«

»Die Aëro­nau­ten ent­blöß­ten sich voll­stän­dig, und der Bal­lon hob sich nun mit rasen­der Schnel­lig­keit. Zam­be­car­ri bekam arges Erbre­chen, und Gros­set­ti blu­te­te hef­tig. Die Armen konn­ten kein Wort her­vor brin­gen, so kurz war ihr Athem. Es fror, und in weni­gen Minu­ten waren die Armen mit einer Eis­krus­te bedeckt. Der Mond schien roth wie Blut.

Nach­dem die Maschi­ne eine hal­be Stun­de lang die­se hohen Regio­nen durch­streift hat­te, fiel sie um vier Uhr Mor­gens wie­der in’s Meer zurück. Die Schiff­brü­chi­gen stan­den bis zur Hälf­te ihres Kör­pers im Was­ser, und der Bal­lon schlepp­te sie, auf der Ober­flä­che des Mee­res schwim­mend, meh­re­re Stun­den weit fort.

Als der Tag anbrach, fan­den sie sich Pesa­ro gegen­über, vier Mei­len von der Küs­te, und gedach­ten zu lan­den, als ein Wind­stoß sie erfaß­te und auf die hohe See zurück schleuderte.

Sie waren ver­lo­ren! jede Bar­ke floh ent­setzt, so wie sie sich ihr näher­ten,… Glück­li­cher­wei­se begeg­ne­ten sie end­lich einem gebil­de­te­ren Schif­fer, der sie an Bord hiß­te und in Fer­ra­da an’s Land setzte.

Eine ent­setz­li­che Rei­se, nicht wahr? Aber Zam­be­car­ri bewähr­te sich als ein bra­ver, ener­gi­scher Mann. Kaum war er von sei­nen Lei­den wie­der her­ge­stellt, so begann er sei­ne Ascen­sio­nen von Neu­em. Wäh­rend einer der­sel­ben stieß er an einen Baum, wobei sich die bren­nen­de Spi­ri­tus­lam­pe auf sei­ne Klei­der ergoß und er von Feu­er förm­lich ein­ge­hüllt wur­de, auch sei­ne Maschi­ne hat­te bereits Feu­er gefan­gen, als er end­lich, halb ver­brannt, wie­der auf der Erde ankam.

Zuletzt, am 21. Sep­tem­ber, führ­te er noch eine Fahrt in Bolo­gna aus, sein Bal­lon hak­te sich an einen Baum, die Spi­ri­tus­lam­pe setz­te den küh­nen Schif­fer aber­mals in Brand, Zam­be­car­ri stürz­te her­ab und fand sei­nen Tod!

Und im Ange­sicht all die­ser That­sa­chen könn­ten wir noch schwan­ken? Nein! je höher wir stei­gen, des­to ruhm­vol­ler wird unser Ende sein!«

Als der Bal­lon von allen Gegen­stän­den, die er ent­hal­ten hat­te, befreit war, schweb­ten wir in Höhen, die nicht mehr abge­schätzt wer­den konn­ten. Der Aërostat vibrir­te in der Atmo­sphä­re; bei dem gerings­ten Geräusch hall­te das Him­mels­ge­wöl­be wie­der. Unser Bal­lon, der ein­zi­ge Gegen­stand, den mein Auge in der Uner­meß­lich­keit erfaß­te, schien bereits der Ver­nich­tung anheim zu fal­len; über uns ver­lor sich die Höhe des Him­mels in tie­fer Finsterniß.

Ich sah, wie das Indi­vi­du­um sich neben mir aufrichtete.

»Die Stun­de ist gekom­men, wir müs­sen ster­ben! sprach er zu mir. Die Men­schen haben uns aus­ge­sto­ßen und ver­ach­tet; wir wol­len uns dafür rächen und sie zerschmettern!

– Erbar­men! fleh­te ich.

– Hau­en wir die Sei­le ab! rief er. Die­se Gon­del sei aus­ge­sandt in den Wel­ten­raum! Die Attrac­tion­s­kraft wird ihre Rich­tung ändern, und so kön­nen wir noch heu­te an der Son­ne landen!«

Die Ver­zweif­lung gal­va­ni­sir­te mich; ich stürz­te auf den Wahn­sin­ni­gen zu, wir faß­ten uns, und ein furcht­ba­res Rin­gen begann. Aber ich wur­de nie­der­ge­wor­fen, und wäh­rend der Rasen­de auf mir knie­te und mich auf die­se Wei­se fest­hielt, hieb er die Sei­le der Gon­del durch.

»Eins!… zähl­te er.

– Gott!…

– Zwei!… Drei!…«

Ich mach­te eine über­mensch­li­che Anstren­gung, rich­te­te mich empor und stieß den Unsin­ni­gen mit Gewalt zurück.

»Vier!« rief er jetzt.

Die Gon­del fiel, aber instinct­mä­ßig klam­mer­te ich mich an das Tau­werk und wickel­te mich in die Maschen des Netzes.

Der Rasen­de war in dem Rau­me ver­schwun­den, wäh­rend mein Bal­lon zu uner­meß­li­chen Höhen empor­ge­tra­gen wurde!

Ein betäu­ben­des Kra­chen ließ sich hören!… Das zu sehr aus­ge­dehn­te Gas hat­te die Hül­le gesprengt. Ich schloß die Augen…

Nach eini­gen Secun­den wur­de ich durch eine feuch­te Wär­me wie­der zum Bewußt­sein gebracht; ich schweb­te mit­ten in Feu­er­wol­ken. Der Bal­lon dreh­te sich mit schwin­deln­der Schnel­lig­keit und leg­te, vom Win­de erfaßt, hun­dert Mei­len pro Stun­de in sei­ner hori­zon­ta­len Bahn zurück. Um ihn her zuck­ten Blitze.

Mein Fall war indes­sen nicht sehr rasch; als ich end­lich die Augen wie­der öff­ne­te, bemerk­te ich Land. Trotz­dem schweb­te ich in größ­ter Gefahr; denn in einer Ent­fer­nung von etwa zwei Mei­len bemerk­te ich das Meer, und der Orkan trieb mich in gera­der Rich­tung dar­auf zu. Plötz­lich fühl­te ich eine so mäch­ti­ge Erschüt­te­rung, daß ich unwill­kür­lich die Sei­le fah­ren ließ. Mei­ne Hän­de locker­ten sich; ein Tau glitt schnell zwi­schen mei­nen Fin­gern durch, und ich befand mich auf fes­tem Boden!

Das Anker­seil des Bal­lons hat­te die Erd­ober­flä­che gestreift, sich in einer Fels­spal­te ver­fan­gen, und ich war an ihm her­ab geglit­ten. Mein Bal­lon, der auf die­se Wei­se noch­mals bedeu­tend ent­las­tet wur­de, ver­lor sich bald hin­ter dem Hori­zont des Meeres.

Als ich wie­der zum Bewußt­sein kam, fand ich mich in einem Bau­ern­hau­se gebet­tet, und erfuhr, daß ich in Har­der­wick, einer klei­nen Geldern’schen Stadt, sei, die etwa fünf­zehn (franz.) Mei­len von Ams­ter­dam am Ufer der Zuy­der­see liegt.

Mein Leben war durch ein Wun­der geret­tet worden.

Als ich mir mei­ne Fahrt noch ein­mal ver­ge­gen­wär­tig­te, muß­te ich geste­hen, daß sie durch­weg eine Rei­he von Unvor­sich­tig­kei­ten gewe­sen sei, die ein Wahn­sin­ni­ger aus­führ­te, und die ich nicht hat­te hin­dern können.

Möch­te die­se Erzäh­lung einen dop­pel­ten Zweck erfül­len, indem sie ihre Leser inter­es­sirt und belehrt; die küh­nen Schif­fer der Luft­bah­nen aber möge sie nicht in ihren For­schungs­rei­sen entmuthigen!

Ende.

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